Pressemitteilung

Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine trauert um Prof. Dr. Wulf Herzogenrath


Wir trauern um Prof. Dr. Wulf Herzogenrath, der am 18. Juni 2026 im Alter von 82 Jahren in Berlin verstorben ist. 

Als Mitbegründer und erster Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) war der Kunsthistoriker, Kurator und Kunstvermittler einer der wichtigsten Wegbereiter des Verbandes – mit ihm verliert die ADKV ihren visionären Vordenker und Wegbegleiter.

Auf seine Initiative hin gründete sich 1980 die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine, deren treibende Kraft er von Beginn an war – als Initiator, Repräsentant, Moderator, Stratege und institutionelles Gedächtnis. Bis zu seinem Wechsel an die Berliner Nationalgalerie 1989 führte er den Verband von einer losen Arbeitsgemeinschaft zu einem Dachverband von 135 Kunstvereinen mit kulturpolitischem Gewicht auf Bundesebene.

Über fast vier Jahrzehnte hat Wulf Herzogenrath Kunstvereine geleitet. Als Direktor des Kölnischen Kunstvereins (1973–1989) und der Bremer Kunsthalle (1994–2011), die von einem Kunstverein getragen wird, trieb er die Idee des zivil-gesellschaftlich organisierten Kunstvereins und die Demokratisierung der Kunstvermittlung mit Leiden-schaft voran.

Noch als Student arbeitete Wulf Herzogenrath an der epochenmachenden Ausstellung „50 Jahre Bauhaus“ des Württem-bergischen Kunstvereins im Jahr 1968 mit. Er sichtete das noch ungeordnete Material, betreute den umfangreichen Katalog und begleitete die Ausstellung, die von Europa über die USA und Lateinamerika bis nach Japan tourte. Sie hatte erhebliche kulturpolitische Bedeutung für die internationale Repräsentation der BRD in der Nachkriegszeit. 50 Jahre später war Wulf Herzogenrath wieder im Württembergischen Kunstverein – diesmal in der Rolle des Dialogpartners und Zeitzeugen. Die Ausstellung „50 Jahre nach 50 Jahre Bauhaus“ verstand sich als Aktualisierung und kritische Revision. Wulf Herzogenrath reagierte keineswegs verschnupft auf dieses Unterfangen – vielmehr begrüßte er die Fortführung und Neuausrichtung der Forschung und ihre öffentliche Präsentation. Er verstand sie als Würdigung und gemeinsames Interesse.


Die Programmatik des Bauhauses – Kunst und Technologie zu verbinden und medien- wie spartenübergreifend auf gesellschaftliche Erfordernisse zu reagieren – blieb für Wulf Herzogenraths kuratorische Praxis bestimmend. Im Kölnischen Kunstverein entwickelte er ein umfangreiches Programm zur jungen, noch umstrittenen Videokunst. Mit seiner Pionierarbeit setzte er neue Maßstäbe und machte Kunstvereine zu zentralen Plattformen und Motoren für zeitgenössische Kunstpraktiken.

Der ADKV blieb er über die Jahre auf verschiedene Weise verbunden: In umfangreichen Interviews und als Gast bei Tagungen sprach er leidenschaftlich und offen über seine Arbeit. Seine Fähigkeit, historische Kontexte detailliert zu beschreiben, die spezifischen Spannungsfelder herauszuarbeiten und vor dem Hintergrund unterschiedlicher Diskurse zu reflektieren, machte ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. 
Stets war er daran interessiert, Fragestellungen im Dialog mit anderen weiterzuverfolgen. Für ihn war das Weiterdenken und Fortentwickeln ein Lebenselixier. Wulf Herzogenrath verwaltete nicht, er gestaltete.


Ihn zeichnete eine natürliche Autorität aus, die aus echter Aufmerksamkeit für sein Gegenüber erwuchs – verbunden mit unermüdlicher Neugier, Menschenfreundlichkeit und Humor. Diese Offenheit machte ihn zu einem verlässlichen Brückenbauer zwischen Künstler*innen, Institutionen und Publikum. Hinzu kamen seine Zugewandtheit und Großzügigkeit gegenüber jüngeren Generationen, denen er bereitwillig Chancen eröffnete und Auskunft gab. Die gesellschaftliche Relevanz von Kunst war ihm mehr als ein professionelles Credo: sie war Leitgedanke und Lebensprinzip.


Mit der 2024 von ihm gegründeten Wulf-Herzogenrath-Kulturstiftung schuf er schließlich das finanzielle Fundament für das ADKV-Herzogenrath-Forum, eine jährliche Präsenztagung der ADKV. In diesem Rahmen wird zudem der nach ihm benannte Preis für ehrenamtliche Arbeit vergeben. Es war ihm ein Anliegen, die Kunstvereine in der Breite durch Weiterbildungsformate zu unterstützen – ein Engagement, das es der ADKV ermöglicht, auch künftig als Lobbyverband für das Modell Kunstverein zu agieren. Und ein Zeichen für die enorme ehrenamtliche und programmatische Arbeit zu setzen, die in Kunstvereinen geleistet wird.


In lebhafter Erinnerung bleibt uns, wie er sich noch beim letzten Herzogenrath-Forum 2025 in Leipzig nach einem vollgepackten Vortrags- und Diskussionsprogramm bis spät in den Abend unermüdlich und gut gelaunt mit den Teilnehmenden austauschte. In Erinnerung bleibt uns auch seine Empörung, wenn er über die kulturpolitischen Kampagnen rechtspopulistischer Kräfte unter anderem gegen das Bauhaus sprach – erschüttert darüber, dass solche Angriffe wieder salonähig werden.


„Nach vorne gucken“ – so überschrieb er die Einladung zu seinem 80. Geburtstag. Und genau das tat er bis zuletzt: neugierig, aufmerksam, erfindungsreich, immer überzeugend demokratisch.


Die ADKV wird sein Erbe bewahren, weiterführen – und in seinem Sinne nach vorne gucken.

Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) Berlin, Juni 2026