Susanne Jakob erhält den ADKV-Wulf-Herzogenrath Preis für Ehrenamt
Der ADKV-Wulf-Herzogenrath-Preis für Ehrenamt wird 2026 an die Kunstwissenschaftlerin Susanne Jakob, kuratorische und geschäftsführende Leiterin des Kunstvereins Neuhausen (bei Stuttgart) verliehen.
Die Auszeichnung würdigt ein über drei Jahrzehnte währendes, außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement.
Susanne Jakob hat aus einer 1995 gegründeten, kleinen und nomadisch agierenden Ausstellungsinitiative in einer 12.500 Einwohner*innen zählenden Gemeinde in der Metropolregion Stuttgart ein interdisziplinäres Laboratorium für Kunst, Ökologie und Gesellschaft von internationaler Ausstrahlung geformt.
Die Auszeichnung gilt sowohl der beeindruckenden Kontinuität dieser Arbeit als auch ihrer tiefen inhaltlichen und strukturellen Qualität. Die von Susanne Jakob initiierten institutionskritischen und partizipativen Formate verhandeln Kernfragen nach Zugang, Deutungshoheit und demokratischer Teilhabe an der Kunst – Fragen, die in der heutigen gesellschaftlichen Realität aktueller sind denn je.
Übergabe des Preises am 17.Oktober 2026 im Kasseler Kunstverein
Die feierliche Übergabe des Preises an Susanne Jakob durch Felix Herzogenrath findet am 17.10.2026 ab ca. 11:00 Uhr als Auftakt des ADKV-Herzogenrath-Forums im Kasseler Kunstverein statt. Die Laudatio hält Sebastian Baden, (Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main).
In diesem Jahr ist die Preisverleihung besonders dem Andenken an Wulf Herzogenrath gewidmet, der im Juni 2026 im Alter von 82 Jahren verstarb. Wulf Herzogenrath, Mitbegründer der ADKV, war Initiator und Stifter des Preises. Die Würdigung der vielfältigen ehrenamtlichen Arbeit der Kunstvereine war ihm ein Herzensanliegen – eine Überzeugung, die er bis zuletzt mit Wärme und Leidenschaft vertrat.
Die ADKV ist Wulf Herzogenrath für diese Initiative von Herzen verbunden – und bewahrt sein Wirken in großer Dankbarkeit..
Die Jury hebt in ihrer Entscheidung insbesondere folgende Verdienste hervor:
1. Ganzheitliche Verankerung im Gemeinwesen und umfassende Partizipation
Unter der Leitung von Susanne Jakob ist der Kunstverein zu einem unverzichtbaren, festen Bestandteil des lokalen Gemeinwesens geworden. Ein wichtiger Meilenstein war hierbei im Jahr 2009 der Umzug in eine entweihte Jesuitenkapelle, die dem Verein einen dauerhaften, öffentlich sichtbaren Ort verschaffte. Getragen wird die Arbeit von einer vorbildlichen Vereinsstruktur: Ein interdisziplinäres Kompetenzteam aus den Bereichen Architektur, Ingenieurwesen, Vereinsrecht und Finanzen beweist, wie produktiv Susanne Jakob unterschiedliche fachliche und gesellschaftliche Perspektiven nachhaltig zusammenführt.
Ihr kuratorischer Ansatz bricht konsequent die Trennung zwischen Fachpublikum und Laien auf. Dies zeigte sich wegweisend bereits in der frühen Projektreihe „Risiko Curating“ (1998/99), bei der Bürgerinnen und Bürger per Losverfahren selbst zu Kurator*innen wurden. Wie tief die Kunst in den Alltag der Menschen vor Ort hineinwirkt, belegen Folgeprojekte wie Dorothea Schulz’ „Hausbesuche“ (2017), bei denen über 100 Einwohner*innen einbezogen wurden, die mehr als 117 Zeichnungen und Zustandsnotate erstellten. Anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Kunstvereins im Jahr 2025 erweiterte sich dieser Radius durch die einjährige Projektreihe „ORTSTERMINE. HOMESERVICE“: Über eine freie Einladung an die Bürgerschaft und einen großen Kreis an Förder*innen und Besucher*innen bespielte der Kunstverein innerhalb eines Jahres 18 externe Fremdbühnen im Umfeld der Landeshauptstadt Stuttgart.
2. Der KVN PROJEKTRAUM als gelebte Care- und Diskurs-Infrastruktur
Die Räumlichkeiten der säkularisierten Jesuitenkapelle werden unter der kuratorischen Leitung von Susanne Jakob nicht nur als Ausstellungsfläche, sondern auch als Verhandlungsort existenzieller Themen genutzt. Langzeitprojekte wie „Confession Space“ von Annett Zinsmeister (seit 2014) setzen sich konzeptuell mit Schuld und Intimität im sakralen Raum auseinander, während Christine Schönherrs „Blue Space“ (seit 2020) die Empore in einen offenen Rückzugsort verwandelt.
Diese Idee des Sorgetragens (Care) dehnt Susanne Jakob über die Gebäudegrenzen aus: Auf einer städtischen Brache direkt vor dem Kunstverein hat sich mit dem „Jardin des Parfums“ (seit 2018) und der Trüffelkolonie «tuber uncinatum» von Linda Weiß (seit 2024) eine aktive Pflege- und Gießgemeinschaft aus Nachbar*innen und dem KVN-Gartenteam gebildet. Es ist ein lebendiges, alltagspraktisches Modell von Solidarität im urbanen Raum. Wie weit dieser widerständige Diskursbegriff gefasst werden kann, zeigte der Ortstermin #7/2025 - in Kooperation mit dem feministischen Kollektiv „MOTHERS, WARRIORS and POETS“ in der Stuttgarter UHU-Bar (einem ehemaligen Laufhaus). Auf Einladung des Kollektivs und des Barbetreibers referierte die österreichische Kulturwissenschaftlerin Elke Krasny über „Feministische Infrastrukturkritik“ .
3. Nationale Netzwerke und Förderung des künstlerischen Nachwuchses
Der Kunstverein Neuhausen genießt eine hohe bundesweite und akademische Anerkennung. Bereits 2017 erlangte der Verein durch eine Kooperation mit der Kunsthalle Mannheim und dem Reiseprogramm „ON THE MOVE“ erneute Sichtbarkeit. Das von Sebastian Baden kuratierte partizipative Performance-Projekt mit dem dänischen Künstler Christian Falsnaes bezog Bürger*innen aus Neuhausen sowie zahlreiche Kunstinteressierte aktiv in die Performance ein.
Zudem etablierte Susanne Jakob einen festen Turnus von Kooperationen mit wechselnden Klassen der Kunstakademien in Stuttgart, Nürnberg und der HBKsaar. Ein aktuelles Beispiel bildet das Projekt «ResiDensity» im Sommersemester 2026, in dem „The Baukunst Studio“ unter der Leitung von Prof. Mark Blaschitz (ABK Stuttgart) zu Gast war, um experimentelle, im Einklang mit der Natur stehende und selbst bewohnte Rückzugsorte für Kunstschaffende während der Aufbauphase zu erproben.
4. Kontinuierliche Internationalisierung und institutionelle Kritik
Internationale Brückenschläge prägen ihr kuratorische Profil seit Beginn des Jahrtausends: von der frühen Schau „NEW TOPICS“ (2000) mit zeitgenössischen Positionen aus Budapest über das wegweisende, politisch-interventionistische Kooperationsprojekt „legal / illegal“ mit der NGBK Berlin (2005) bis hin zur historisch kritischen Aufarbeitung „Guerrilla Art Action Group – Revisited 1969–1976“ (2023), die in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Fluxus-Kurator Jon Hendricks entstand und von einem aktivistischen „Mut-Muskel-Training“ der Radikalen Töchter begleitet wurde.
In der jüngeren Vergangenheit weitete Susanne Jakob dieses Netzwerk bis nach Asien aus: Auf ein partizipatives Stadtraumprojekt („Traffic Jump“, 2024) in Ulaanbaatar folgte die Ernennung des Kunstvereins zum externen Mitglied des „Contemporary Art Centers of Mongolia“. Jüngster Ausdruck dieser Verbundenheit war das ambitionierte Großprojekt „3yy + hundert“ (2024/2025), welches unter der Co-Kuratorin Katja Brinkmann ein Zusammentreffen von jeweils einhundert mongolischen und deutschen Künstlerpositionen realisierte.
5. Pionierarbeit für die ökologisch-ästhetische Transformation
Susanne Jakobs untrügliches Gespür für drängende Zukunftsthemen zeigt sich darin, dass sie Diskurse im Kunstverein Neuhausen verhandelte, lange bevor sie im globalen Mainstream ankamen. Bereits im Jahr 2012 griff der Kunstverein mit dem kontrovers diskutierten Modellversuch „50% Bikeway“ von Rainer Ganahl die Mobilitätswende auf.
Daraus entwickelte sich in den Folgejahren eine konsequente Transformation des Kunstverein-umfeldes in ein «metabolisches Biosphären-Labor».
Herausragende Meilensteine dieser Entwicklung sind:
Die baubotanische Langzeituntersuchung „Novizenweg“ des Bureau Baubotanik (seit 2019) als lebender, baubotanischer Rundweg.
Die wissenschaftlich-künstlerisch begleitete Trüffelkolonie „Tuber uncinatum“ (seit 2024) von der Künstlerin Linda Weiß/Blockadia Tiefsee in Kooperation mit Biologen der Universität Hohenheim.
Das wegweisende Langzeitprojekt „Tribute to Oud – Unterschätzte Ressourcen“ (begonnen 2022) der Berliner Künstlerin Folke Köbberling. Der dafür im KVN-Projektraum errichtete, eingeschossige Pavillon aus regionalen Natur- und Abbruchmaterialien (Schafwolle, Lehm, Altholz) gilt heute als Best-Practice-Beispiel für zirkuläres, nachhaltiges und komplett rückbaubares Bauen in Kunst und Architektur und bildet den zentralen Kern des aktuellen KVN-Beitrags zur kommenden IBA StadtRegion Stuttgart 2027.
Susanne Jakob vereint kuratorische Vielfalt, Mut zu gesellschaftspolitischen Experimenten und tief verwurzelte, zivilgesellschaftliche Basisarbeit in einer Person. Ihr jahrzehntelanges Wirken beweist eindrücklich, dass ehrenamtlich getragene Kunstvereine auch abseits der großen Metropolen treibende Innovationsmotoren für globale und zukunftsweisende Diskurse sein können.
Die ADKV und die Herzogenrath-Stiftung ehren eine Persönlichkeit, deren Leidenschaft für die Vermittlung und Sichtbarkeit zeitgenössischer Kunst Vorbildcharakter besitzt.
Wir freuen uns sehr, Susanne Jakob für dieses beharrliche, kluge, sowohl engagierte wie reflektierte Verständnis von Kunst als gemeinschaftlicher Praxis den ADKV Wulf-Herzogenrath-Preis für Ehrenamt 2026 verleihen zu dürfen. Gerade in Zeiten zunehmenden Drucks auf offene demokratische Räume beweist der Kunstverein Neuhausen mit Susanne Jakob engagierter Arbeit wie es auch in kleineren Gemeinden möglich ist, Orte für neue Impulse, Austausch und Verständigung mit den Einwohner*innen im Rahmen internationaler Nachbarschaften zu schaffen.
ADKV und Wulf-Herzogenrath-Stiftung im September 2026