Jahresgabe

o.T.(St.Petersburg)

Linn Schröder

Der eilende Passant trägt sein privates Universum innerlich mit sich – er denkt, plant, sinniert, träumt, spinnt – und gleichzeitig gelingt es ihm souverän, ganz dem Außen dienlich zu sein. Er funktioniert als effizienter Verkehrsteilnehmer, weicht Hindernissen aus, beschleunigt oder verlangsamt seine Geschwindigkeit, arbeitet mit Grün- und Rotphasen der Ampeln, mit Geräusch- und Geruch-, mit Architektur- und Konsumkulissen. Als Individuum bildet der Passant pars pro toto selbst eine Kulisse. Es ist seine große Fähigkeit, sich ein übermäßiges Interesse an den anderen, reizvollen, sich impulsiv stellenden Landschaften nicht anmerken zu lassen: Sein universal gleichgültiger Blick degradiert die eigene Erscheinung einer dreidimensionalen Kulisse zur Flächigkeit einer Fassade. Als leite sich das Gesicht (face) von der Fassade (façade) ab und nicht umgekehrt, reiht der Mensch sich ein in das Zusammenspiel der leblosen Materien. Linn Schröder thematisiert dieses Phänomen in ihrem Bild nicht nur – sie bricht es auf und erweitert es um einige bemerkenswerte Facetten. Sie begnügt sich nicht mit der Rolle eines dokumentierenden Voyeurs. Vielmehr greift sie in das Geschehen ein und wird so indirekt selbst Teil des von ihr provozierten, hochgradig erzählerischen Moments. In aufdringlicher Nähe muss sie sich am Rande des Bürgersteigs positioniert haben – so nah wie möglich, um die Aufmerksamkeit der Gesichter auf sich zu

ziehen und ihre Reaktion in voller Schärfe einzufangen  – und doch weit genug entfernt, dass eine unüberbrückbare Distanz bleibt, ohne die das Bild in seiner großartigen Komposition nicht entstehen würde. Zweierlei Umstände, die St. Petersburg zum Zeitpunkt der Aufnahme des Fotos bereithält, transzendieren diesen Realismus auf magische Weise: Das weißliche Tageslicht enthebt die Szenerie einer konkreten Zeitlichkeit. Es bewirkt, dass die Menschen sich silhouettenhaft vom Hintergrund abheben - von einem Hintergrund, der reine Simulation einer historistischen Bürgerhausfassade ist, eine Architekturfolie aus Plastik, die während des G8 Gipfels 2006 die hässlichen Stellen der Stadt übermalt und sie künstlich korrigiert.