Jahresgabe

Auf den Spuren Anton Dohrns

Susanne M. Winterling

Das Zusammenspiel von menschlicher Subjektivität, Technowissenschaften und Ökosystemen bildet schon länger einen Brennpunkt von Winterlings Arbeit, insbesondere Fragen der Andersartigkeit sowie die Koexistenz von Lebensformen im Athropozän. Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Künstlerin mit der Biolumineszenz bestimmter Planktonarten, den Dinoflagellaten, die ein grün-blaues Licht ausstrahlen, wenn sie durch den Wasserfluss simuliert werden. Dieses biologische Phänomen begreift Winterling als einen „lebenden Touchscreen“, den sie in ihrer Arbeit sowohl mit menschlicher Haut – dem Organ, mit dem wir unsere Umgebung berühren – in Verbindung bringt, als auch mit technologischen Interfaces und Computerdisplays. Dabei stellt Winterling zum einen die vermeintlichen Gegensätze zwischen Natur und Technik oder Körperlichkeit und Virtualität in Frage, zum anderen geht sie Formen der Solidarität und Kooperation zwischen ineinander verstrickten Körpern und Lebewesen nach.
Ihre Recherchen zur Biolumineszenz führten Winterling in die Zoologische Station in Neapel. Diese wurde 1870 von dem Zoologen Anton Dohrn zur Erforschung der Meeresbiologie eingerichtet. Dohrn hatte als erster die Abstammung der Wirbeltiere von ringelwurmartigen Vorfahren vorgeschlagen. Die Station gilt als eines der ersten modernen Forschungsinstitute. Seit ihrer Gründung verfolgt sie einen interdisziplinären Ansatz und fördert den internationalen Austausch zwischen WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen. Heute widmet sich das Institut u.a. der Erforschung der Biolumineszenz.
In Winterlings Jahresgabe verdichten sich verschiedene Stränge ihrer künstlerischen Praxis. In dem Bild Fenster und Darstellungsmittel ineinander geschichtet: die Glasscheibe als Bildträger, die Fotografie, der Computerbildschirm mit zwei geöffneten Fenstern – gerahmt von einem Programminterface überträgt eine Mikroskop-Kamera Aufnahmen von einem Dinoflagellaten. Über dem Bildschirm weist ein gedruckter Text darauf hin, das Mikroskop nach 3 Stunden Gebrauch für 30 Minuten abgeschaltet zu lassen. Durch unterschiedliche, zum Teil transparente Darstellungsträger und technologische Zeigehilfen gleitet der Blick zu dem mikroskopischen Körper eines fremdartigen Wesens, das als Basis der Nahrungspyramide grundlegend für unser Ökosystem ist.
Ausstellungen (Auswahl):
2017: Conditions of Political Choreography, Neuer Berliner Kunstverein, Berlin; Polyphonic World: Justice as Medium, Contour Biennale 8, Mechelen; Site Visit, Kunstverein Freiburg; Myth of the Marble, ICA University of Pennsylvania, USA; Inventory of Shimmers, MIT List Visual Arts Center, Cambridge Massachusetts, USA; Tidalectics, TBA21, Wien; 2016: In Search for Radical Incomplete #3 Black Hole Hunters, Kunstverein Langenhagen (solo); 2014 Empathetic Vision, Dinos, and the Tamer of Horses, Ludlow 38, New York (solo); 2010: Through The Looking Glass, Badischer Kunstverein Karlsruhe, Karlsruhe (solo); 2009: Dreaming is Nursed in Darkness, GAK, Bremen (solo); 2008: 5. Berlin Biennale, Neue Nationalgalerie, Berlin.